Signalübertragung auf Leitungen
Zusammenfassung
Kapitel 7 des GEMP1-Skripts behandelt die physikalischen Grundlagen der Signalübertragung auf Leitungen: Wellenwiderstand und Laufzeit der verlustlosen Leitung, Reflexionen an Fehlanpassungen, Übersprechen zwischen Nachbarleitungen sowie Störkopplung über Versorgung und Masse – mit konkreten Zahlenwerten für Leitungstypen und Logikfamilien.
Inhalt
Verlustlose Leitung (R = G = 0)
- Wellenwiderstand:
Z0 = √(L'/C')– definiert als Verhältnis transiente Spannung / transienter Strom. - Ausbreitungsgeschwindigkeit
vp = 1/√(L'·C'); Laufzeit pro Meterτ = √(L'·C'). - Auf PCBs hängt Z0 von Geometrie (Leiterbreite, Abstand zur Referenzebene) und εr des Materials ab; die Laufzeit nur von εr.
Typische Werte verschiedener Leitungen
| Leitung | L′ (nH/cm) | C′ (pF/cm) | Z (Ω) | τ (ns/m) |
|---|---|---|---|---|
| Einzeldraht | 20 | 0,06 | 600 | ~4 |
| Freier Raum (µ0/ε0) | – | – | 370 | 3,3 |
| Verdrillte Zweidrahtleitung / Flachbandkabel | 5–10 | 0,5–1 | 80–120 | 5 |
| PCB-Leitung | 5–10 | 0,5–1,5 | 70–100 | ~5 |
| Koaxialkabel | 2,5 | 1,0 | 50 | 5 |
| Busleitung | 5–10 | 10–30 | 20–40 | 10–20 |
Reflexionen
- Spannungssprung V1 auf eine Leitung mit Abschluss RT: hinlaufende Welle erfüllt V1/I1 = Z0; reflektiert wird
Vr = V1·(RT−Z0)/(RT+Z0) = ρL·V1. - Reflexionsfaktor ρL: −1 (Kurzschluss), +1 (Leerlauf), 0 bei Anpassung (RT = Z0). Quellreflexion analog
ρS = (RS−Z0)/(RS+Z0). - Verschiedene Polarität von ρL/ρS → Überschwingen (Ringing); Mehrfachreflexionen pendeln sich auf den Spannungsteiler-Zustand aus RS/RT ein.
- Kriterium für problemlose kurze Leitungen: Anstiegszeit ≥ Hin-und-zurück-Laufzeit → keine Termination nötig.
- Serienanpassung an der Quelle (Innenwiderstand meist ≪ Z0): einfacher Serienwiderstand; stufenförmiger Signalverlauf entlang der Leitung, Eingangsströme der Last-Gates verringern den Störabstand. Anwendung: Reflected Wave Switching (PCI-Bus).
- Parallelabschluss am Leitungsende: durch Stromergiebigkeit der Quelle nach unten begrenzt.
- Verteilte kapazitive Lasten (z. B. CMOS-Eingänge): mit Zusatzkapazitätsbelag
CD = CL/lwirdZ0' = Z0/√(1+CD/C0)kleiner undτ' = τ·√(1+CD/C0)größer. Leitungen über mehrere Platinen erzeugen Unstetigkeitsstellen mit zusätzlichen Reflexionen.
Übersprechen
- Ursache: kapazitive und induktive Verkopplung eng benachbarter Pfade (Koppelimpedanz Zm); die eingekoppelte Welle läuft nach beiden Seiten, Störung am Störeingang aus direkter + reflektierter Welle.
- Beispiel TTL (Rout = 10 Ω, Z0 = 100 Ω, Zm = 200 Ω): Störspannung am Eingang D ≈ 12,4 % von Vout.
- Maximale Länge parallel geführter Bahnen im Abstand 1 mm ohne Verletzen des Störabstands (parallel/antiparallel): LS >25/25 cm, ALS >25/25 cm, F >25/15 cm, AS >25/15 cm, HC 25/13 cm, HCT 20/10 cm, AC 15/10 cm, ACT 10/6 cm.
- Wirksamste Gegenmaßnahme: Masseleitungen zwischen den verkoppelten Pfaden.
Stromversorgung und Masse
- Ursachen schneller Versorgungsstromänderungen: zustandsabhängige Aufnahme bipolarer Logik (74LS00: Icc = 2,4 mA bei allen LOW vs. 0,8 mA bei allen HIGH), Durchleitstromspitzen beim CMOS-Umschalten, Signalströme über die Versorgung (FAST-Puffer 0,2→2,7 V in ~3 ns an 50 Ω → 50 mA Spitze; Oktalpuffer → 0,4 A).
- Abhilfe: Bulk-Kondensatoren (Tantal/Elektrolyt 10–100 µF) für langsame Änderungen plus Keramikkondensatoren (~100 nF) möglichst direkt an den Bausteinpins – jedes Stück Zuleitung ist Induktivität.
- Galvanische Masseverkopplung: plötzlicher Stromanstieg erzeugt Spannungsabfall L1·di/dt in der Masseleitung und hebt das Bezugspotential benachbarter Bausteine kurzzeitig an.
- Gegenmaßnahmen: eigene Masse-/Versorgungsflächen als ganze Lagen in mehrlagigen Platinen (minimale Impedanz, minimale Stromschleifenfläche → weniger Abstrahlung/Einstreuung); alternativ Massegitter über zwei Lagen (waagerecht/senkrecht), alle Kreuzpunkte mit Vias verbunden.
Quellen
raw/Laufzeit auf Leitungen.pdf– Skript-Kapitel 7 „Physikalische Eigenschaften von Leitungen” (GEMP1)